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30.06.2001 |

"So denke ich mehr ans Himmelreich als an das von England"
Von Rolf Schneider
Als das englische Parlament vor dreihundert Jahren mit dem „Act of Settlement" am 28. Juni 1701 beschloss, die Witwe des Kurfürsten von Hannover und Fürstbischof von Osnabrück, Ernst August I., zur Thronfolgerin zu berufen, wurde eine Personalunion welfischer Herrscher auf den Thronen in Hannover und London begründet, die von 1714 bis 1837 andauern sollte und in die das Fürstbistum Osnabrück seit 1815 eingebunden war. Wer war Sophie und wie kam sie zu dem ihr 1701 verliehenen Titel einer „britischen Prinzessin"?
Als Sophie am 14./24. Oktober 1630 in Den Haag geboren wurde, lebten ihre Eltern, Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz und Elisabeth Stuart, eine Tochter des englischen Königs Jakob I., dort im Exil. Sie hatten sich zu Beginn des Dreißig-jährigen Krieges auf das poli-tische Abenteuer eingelassen, die böhmische Königskrone gegen die mächtigen Habsburger anzunehmen. Die Pracht dauerte nur einen Winter lang („Winterkönig"); Friedrich hatte hoch gespielt und verloren, auch die pfälzischen Stammlande und die Kurwürde.
Diesen Umständen entsprach die bedrückende Lage der Großfamilie, in der Sophie das zwölfte Kind war. Sie schrieb denn auch später in ihren Memoiren, sie sei wohl den Eltern nicht sonderlich willkommen gewesen, wenn man von der Erleichterung der Mutter darüber absehe, dass das kleine Lebewesen nun nicht mehr den Platz einnahm, den es zuvor innegehabt hatte. Trotzdem verlebte Sophie eine glückliche Jugend und erhielt eine ausgezeichnete Ausbildung, die ihre glänzenden Geistesgaben voll erschloss. Sie beherrschte beispielsweise fünf moderne Fremdsprachen fließend und ging auch später nie einer lateinischen Unterredung aus dem Wege.
Sophie war nicht nur hübsch wie das Gemälde des Holländers van Honthorst zeigt sie entstammte auch ei-ner der ältesten und vornehms-ten Familien des europäischen Hochadels. Es fehlte daher nicht an Bewerbern um ihre Hand. Sie selbst erinnerte sich später: „Ich hatte hellbraune, natürlich gewellte Haare, ein munteres, ungezwungenes Aussehen, eine wohlgeformte, aber nicht sehr große Figur und die Haltung einer Prinzessin." 1658 wurde sie mit dem jüngsten Sohn des Herzogs Georg zu Lüneburg-Calenberg vermählt. Zunächst ging es bei dem jungen Paar schmal zu; Ernst August verfügte noch nicht über ein eigenes Herrschaftsgebiet.
1662 trat Ernst August, wie im Westfälischen Frieden festgestellt, die Nachfolge des verstorbenen Fürstbischofs von Osnabrück, Franz Wilhelm Graf von Wartenberg, an. Sophie zog gern in die damalige Residenz, das Schloss Iburg um. Ihr erster Eindruck: „Vor drei Tagen bin ich hier eingetroffen und befinde mich in einem sehr hübschen Hause, welches mich bei meiner Ankunft sehr erfreut hat . . ." Aber Iburg war nicht nur für eine komplette Hofhaltung und die angewachsene Familie zu klein geworden, sie entsprach auch nicht mehr einer zeitgenössisch modernen Anlage, denn sie war schon älter als 600 Jahre. Zwar war sie etwa 60 Jahre vorher durch Bischof Philipp Sigismund im Renaissancestil renoviert worden, genügte aber trotzdem nicht barockem Repräsentationsbedürfnis. Überdies lag sie im äußersten Süden des Bistums nicht zentral genug. Schließlich war Ernst August als typisch absolutistischer Herrscher bestrebt, die im Mittelalter allmählich erworbene weitgehende Unabhängigkeit seiner Hauptstadt vom Landesherrn wieder zu beseitigen; ein Problem, das sich am besten „vor Ort" lösen ließ.
Ein für einen Umbau geeignetes Gebäude bot sich in Osnabrück nicht an. So wurde passendes Gelände angekauft und 1667 mit dem Bau des Schlosses begonnen. Die imposante Vierflügelanlage, die sich noch heute fast im ursprünglichen Zustand präsentiert, war 1673 so weit fertig, dass „umgezogen werden konnte".
Der Schlossgarten war Sophies Reich. Endlich konnte sie nach Herzenslust planen und gestalten. Mit dem Franzosen Charbonnier wurde ein erfahrener Gartenarchitekt verpflichtet. Es entstand ein symmetrischer Park mit einer Mittelachse, an jeder Seite vier Paare von Ornament-Blumenbeeten mit gestutzter Buchsbaumzier an den Ecken. Im Zentrum des Gartens befand sich ein rundes Wasserbecken. Den Abschluss nach Süden heute Richtung Schlosswall-Schlossstraße bildeten ein kleines Wäldchen, eingefasst von einer Hecke. So jedenfalls die vielversprechende Planung. Heute ist von diesem Konzept nicht mehr viel zu erkennen.
Mit welcher Begeisterung Sophie bei der Sache war, kann sie selbst am besten erzählen: „Ich stehe alle Morgen um sechs Uhr auf. Dann beobachte ich die Soldaten, die unseren Garten vergrößern und ihn mit einem Kanal umgeben. Er ist
noch nicht sehr schön, aber es freut mich, ihn fortschreiten zu sehen. Ich hoffe,
meine Tage hier zu beschließen; ich werde es niemals bequemer haben. Aus Ernst Augusts Zimmer trete ich in den Garten. Vielleicht bin ich todt, ehe man darin Schatten hat, aber ich denke nicht daran, ebenso wenig wie der Gärtner; denn wir sprechen darüber, was der Garten in dreißig Jahren sein wird, als ob es sich nur um dreißig Tage handelte."
Auf einer Reise nach Frankreich, die Sophie unter dem Namen „Frau von Osnabrück" 1679 gemeinsam mit ihrer Tochter antrat (auch bei späteren Inkognito-Auftritten nannte sie sich gern so), lernte sie die herrlichsten Gartenanlagen Europas kennen: Fon-tainebleaue und Versailles. König Ludwig XIV. ließ ihr zu Ehren Wasserkünste und Fontänen anstellen. „. . . wir fuhren höchst angenehm beim Rauschen der Springbrunnen und im kühlen Schatten dieser Zaubergärten spazieren . . . wo das Geld größere Wunder getan hat als die Natur." Die vielen Reise-eindrücke beim Ausbau des Osnabrücker Gartens zu verwerten, dazu kam sie allerdings nicht mehr.
Nach Sophies Rückkehr starb in Hannover ihr Schwager Johann Friedrich ohne männliche Erben. Ernst August war berufen, dem Bruder auf den Thron zu folgen. Auf dem Lebensweg des Fürstenpaares war dieses Ereignis und der damit verbundene Umzug nach Hannover ein Meilenstein. Es war der Abschied von den verträumten Residenzen des kleinen Bistums, von glücklichen Jahren und harmonischem Familienleben, das die Eltern und alle sieben Kinder vereint sah. Wie Sophie diesen Abschied aufnahm: „Ich werde mein Leben lang den Garten und das Schloss in Osnabrück vermissen. Mein Garten, meine Blumen, mein Haus, meine Möbel! Ich finde mich dieser Freuden auf einmal beraubt."
Das Leineschloss schnitt bei einem Vergleich mit der Residenz an der Hase nicht eben gut ab. Hier der alte verbaute Kasten, zwischen den umliegenden Häusern eingezwängt, ohne Anlagen oder einen Garten, dort das nach eigenem Geschmack errichtete neue Schloss mit dem großzügig geplanten, noch im Aufbau begriffenen Park ihrem Park.
Größere Gegensätze lassen sich kaum denken. Ernst August ließ das Leineschloss zwar in den nächsten Jahren durch einige Umbauten etwas wohnlicher gestalten, um 1682 wurden Möbel und Bilder von Osnabrück herübergeholt. Heimisch ist die Familie hier aber trotzdem nicht geworden. Aber man hatte in Herrenhausen, das fast unbegrenzte Möglichkeiten bot, einen Herrschaftssitz mit einem Fürstengarten ersten Ranges zu schaffen. Ihren Gemahl hatte Sophie bald auf ihrer Seite: eine glanzvolle Residenz kam seinem Repräsentationsbedürfnis durchaus entgegen. Außer den vielen Architekten und Baumeistern, deren Namen hier fehlen können, hatte die Herzogin einen ganz wichtigen Helfer, der ihr mit Rat und Tat zur Seite stand: Leibniz. Der Gelehrte wurde nach und nach zum geistigen Mittelpunkt der Residenz, überall unentbehrlich und für fast alle Fragen des Staates und der Fa-milie zuständig neben seinen bahnbrechenden Arbeiten auf vielen Gebieten der Wissenschaft. Für Sophie und Tochter Sophie Charlotte wurde Leibniz zum Lehrer und Freund, mit beiden blieb er lebenslang im Gedankenaustausch.
Nach dem Tod Ernst Augusts im Jahre 1698 wurde der älteste Sohn Georg Ludwig Nachfolger in Hannover. Osnabrück gehörte allerdings nicht zu seinen Landen. Gemäß der Alternativ-Bestimmung des Westfälischen Friedens übernahm hier nun ein katholischer Fürstbischof die Herrschaft. Georg Ludwig hatte sich nach seiner gescheiterten Ehe nicht wieder vermählt und bat seine Mutter, die vakante Position einer „First Lady" an seiner Seite einzunehmen. Mit Freuden sagte sie zu; sie war weiterhin „gefragt", das Altenteil blieb ihr erspart. Wegen der häufigen Abwesenheit des Herrschers war die Bedeutung der körperlich und geistig vitalen Siebzigerin sogar noch gewachsen: sie wurde auch in der Politik zur zentralen Figur des Hofes.
Familiär hatte sie eine Schlüsselposition: sie beaufsichtigte die Erziehung von Georg Ludwigs Kindern Georg August (später als Georg II. dessen Nachfolger) und Sophie Dorothea, zu denen zeitweise Sophie Charlottes Sohn Friedrich Wilhelm (später Preußens „Soldatenkönig") hinzukam. Die gegenseitige Zuneigung der letztgenannten beiden Enkel, die später ein Paar werden sollten, wurde hier gelegt. Für Herrenhausen begann eine zweite Blütezeit.
In England wurde 1688, schon drei Jahre nach dem Regierungsantritt, Jakob II. wegen seine prokatholischen Haltung in der „Glorious Revolution" von der protestantischen Whigpartei gestürzt. Auf den Thron gerufen wurden schließlich die Schwester des gestürzten Königs, Maria II., und ihr Gemahl, Wilhelm III. von Oranien. Als Wilhelm 1702 ohne Thronerben starb, stellte sich für England die Frage nach der Sukzession, denn auch die Nachfolgerin, seine Schwägerin Anna, hatte aus ihrer Ehe keine überlebenden Erben. So traf das britische Parlament in der Sukzessionsakte vom 28. Juni 1701, dem „Act of Settlement", Vorsorge gegen die drohende Rückkehr der katholischen Stuarts in einer Verfügung zu Gunsten der Nachfahren Elisabeth Stuarts, der Tochter Jakobs I. und Gemahlin des „Winterkönigs", mit der ausdrücklichen Weisung, dass kein Katholik den englischen Thron besteigen dürfe. Damit blieb als einzige Anwärterin Sophie übrig.
In der Sukzessionsakte wurde ausdrücklich festgelegt, „dass die durchlauchtigste Prinzessin Sophia, Kurfürstin und verwitwete Herzogin von Hannover, Tochter der durchlauchtigsten Prinzessin Elisabeth, vormaligen Königin von Böhmen, Tochter unseres vormaligen souveränen Landesherrn König Jacob I. glücklichen Angedenkens, hierdurch als die Nächste zur Thronfolge in der protestantischen Linie erklärt sei und ist und dass von und nach dem Ableben Seiner Majestät unseres jetzt regierenden souveränen Königs und Ihrer Königlichen Hoheit, der Prinzessin Anna von Dänemark, und in Ermangelung der Nachkommenschaft der Prinzessin Anna und Seiner Majestät die Krone und Königliche Regierung . . . übergehen sollte auf die genannte durchlauchtigste Prinzessin Sophia und ihre leiblichen Erben, wenn sie Protestanten sind . . ."
Sophie hatte allerdings schon 1700 angesichts ihres Alters von 70 Jahren Zweifel, ob sie selbst das Erbe noch antreten werde: „Was mich anbelangt, so dencke ich mer ans himmelreich als an das von Englant . . ." Am 15. August 1701 überreichte ihr Lord Macclesfield im Leineschloss die Thronfolge-Urkunde. Der „Act of Settlement" verlieh ihr königlichen Rang und berechtigte sie, den Titel „Erbprinzessin von Großbritannien" zu führen.
Sophie erlebte ihre Königskrönung nicht mehr. Am 8. Juni 1714 erlitt die 83 Jahre alte Dame beim Spaziergang in ihrem Park Herrenhausen am Arm ihrer Begleiterin einen Herztod. Nur wenige Wochen nach ihr starb die englische Königin Anna, so dass Georg Ludwig, der Sohn Ernst Augusts und Sophies und Kurfürst von Hannover, am 12. August 1714 auch den Königsthron in London bestieg.
Sophie (1): "Während der Zeremonie eine Prise Schnupftabak"
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Sophie, "die Frau von Osnabrück" PDF/137 kb
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