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Reportagen 13.05.2008
-

Mit dem Zyklon kam die Angst

Von Klaus Jongebloed
Osnabrück.
Die Abende verbringt Angela Schwarz bei Kerzenschein oder mit Taschenlampe. Denn gut eine Woche nach dem Zyklon „Nargis“ in Birma gibt es in der ehemaligen Hauptstadt Rangun bis auf einige Stadtviertel immer noch keinen Strom. Schwarz, die seit über zweieinhalb Jahren für die Deutsche Welthungerhilfe (DWHH) in Birma die humanitären Hilfsprojekte koordiniert, hat den ersten Schreck überwunden. „Alle, die Zugang zu Medien hatten, wussten zwar, wann und in welcher Stärke der Wirbelsturm kommt“, sagt sie unserer Zeitung am Telefon. „Aber niemand von uns hat sich ein solches Ausmaß vorgestellt.“ In der ersten Nacht habe sie große Angst gehabt, erzählt Schwarz. „Ein Baum fiel aufs Haus, hat das Dach zerstört. Morgens ab drei Uhr musste ich Wasser aus den Zimmern schippen. Auch unser Büro stand unter Wasser.“

Auch wenn in Rangun nach ihren Worten noch viele Stromleitungen und umgeknickte Masten herumliegen, komme das Leben in der Metropole „allmählich wieder in Gang“. Schwarz: „Viel schlimmer sieht es in den Außenbezirken aus. Und sehr prekär ist die Lage im Irrawaddy-Delta.“ In Rangun sei zwar die Infrastruktur beschädigt. „Aber im Delta hat der Wirbelsturm fast alles zerstört. In den höher gelegenen Orten dienen die Schulen als Auffanglager. Aber sie sind voll.“

Die Menschen suchen mittlerweile Zuflucht in den größeren Städten, die jedoch zerstört seien. „Das meiste Trinkwasser ist versalzen. Tote Menschen und Tiere vergrößern die Seuchengefahr.“ Brenzlig werde die Lage für die Menschen im Delta auch dadurch, „dass die Reisvorräte durch das Unwetter nass geworden sind und jetzt verderben“. Die Opferzahlen sind laut Schwarz weit höher als die birmanische Militärregierung bekannt- gibt: „Nach unseren Untersuchungen sind weit über 1,2 Millionen Menschen betroffen. Und nach moderaten Schätzungen sind mindestens 63000 Menschen ums Leben gekommen. Es können aber auch weitaus mehr sein.“ Die Militärjunta spricht hingegen von rund 32000 Toten.

Es ist schwer, in diesen Tagen überhaupt jemanden in Birma zu erreichen. Die Leitung knackt bedenklich, aber sie hält. Solche Augenzeugenberichte sind fast die einzigen Quellen, um sich wenigstens annähernd ein Bild von der Lage in Birma zu machen. Denn die Militärjunta stellt sich stur. Ausländische Helfer und Reporter werden bis auf wenige Ausnahmen nicht ins Land gelassen – auch wenn die birmanische Regierung gestern nach dem Verfassungsreferendum vom Wochenende die Einschränkungen etwas lockerte: Das erste US-Militärflugzeug mit mehreren Tonnen Versorgungsgütern wie etwa Decken und Moskitonetze durfte in Rangun landen, heute sind weitere Flüge geplant. Auch die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ erhielt die Landeerlaubnis für ein Flugzeug mit Hilfsgütern. Allerdings: Die birmanische Regierung besteht darauf, das Material selbst zu verteilen.

Eine Forderung, die Schwarz für „nicht akzeptabel“ hält. „Denn wir haben auch eine Verantwortung gegenüber den Spendern. Deshalb wollen wir sicherstellen, dass die Hilfsgüter dort ankommen, wo sie gebraucht werden.“ Trotz der Lockerungen legt die Militärjunta den Helfern noch andere Steine in den Weg. Schwarz: „Ausländer, die hier arbeiten, dürfen ohne Reisegenehmigung nicht im Land tätig sein.“

Für die Welthungerhilfe bedeutet dies, dass sich erst gestern birmanische DWHH-Kollegen auf den Weg ins Delta machen konnten. Dabei ist die Fahrt von Rangun dorthin schon beschwerlich genug. „Ein Lkw mit Hilfsgütern braucht derzeit zwei Tage“, sagt Schwarz.

Wasser, Nahrung „und ein Dach über dem Kopf“ haben zwar nach ihren Worten im Moment Vorrang vor anderen Hilfen. Doch während Zehntausende vermutlich noch lange ums nackte Überleben kämpfen, steuert Birma womöglich schon auf die nächste Katastrophe zu, warnt Schwarz. „Eigentlich wird im Juni gepflanzt. Die Menschen brauchen deshalb dringend Saatgut ebenso wie Kleintiere. Die meisten Hühner, Ziegen und Schweine sind im Wirbelsturm umgekommen“, sagt die Koordinatorin. Die Menschen in Birma stehen an einem Abgrund.

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