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Reportagen 11.04.2008
-

Die Generation Schaumichan

Von Anne Diekhoff
Berlin.
Solo oder vergeben, Hobby-Fußballer, Liebhaber von Hip-Hop-Musik, auf der letzten Party total betrunken im Gebüsch gelegen: Wer solche Dinge über andere Menschen wissen will, muss diese längst nicht mehr persönlich kennen. Ein Blick ins Internet genügt, zu Netzwerken wie studiVZ oder Facebook. Eine „Generation Schaumichan“ ist herangewachsen, die kein Problem damit hat, ihre Identität vor der ganzen Welt zu präsentieren. Bis die Welt zurückschlägt.

MeinVZ
Du bist nicht allein: Innerhalb weniger Jahre ist das Internet zu einem Tummelplatz der digitalen Selbstdarstellung geworden. Für junge Menschen ist es längst normal, sich in Communities wie studiVZ oder Facebook ganz privat zu geben – meist ohne Rücksicht auf die Gefahren.
Die komfortable Möglichkeit, aus dem Internet private Dinge über Menschen zu erfahren, nutzen längst nicht mehr nur Personalchefs. Auch Boulevard-Journalisten freuen sich. Die Medienkritiker von BILDblog.de berichteten erst im Januar von dem Fall einer beim Skifahren tödlich verunglückten Schülerin: „Bild am Sonntag“ hatte Fotos von ihr und einer Freundin, die den Unfall überlebte, gedruckt. Private Fotos, offenbar direkt aus studiVZ heruntergeladen. Im März dann präsentierte die „Bild“-Zeitung die Co-Pilotin des in Hamburg knapp an einer Katastrophe vorbei gelandeten Flugzeugs ganz privat – ebenfalls bei studiVZ „recherchiert“.

Zwar sind Fotos und persönliche Informationen hier theoretisch für jeden einsehbar. Aber heißt das auch, das Zeitungen sich so einfach bedienen dürfen? Nein. „Die Allgemeinen Geschäftsbedingungen des Unternehmens untersagen ausdrücklich, die über das studiVZ-Netzwerk zugänglich gemachten Inhalte geschäftsmäßig, gewerblich oder sonstig kommerziell zu verwenden“, stellt der Berliner Datenschutzbeauftragte Dr. Alexander Dix fest. Auch dürften die zugänglichen Inhalte nicht ohne Zustimmung der Rechteinhaber kopiert, verbreitet oder anderweitig öffentlich zugänglich gemacht werden.

Das klingt nicht schlecht – aber was nützt es in der Praxis, dass die Geschäftsbedingungen in diesem Fall auf Seiten der Nutzer stehen? „Eine missbräuchliche Nutzung durch Dritte kann auch durch den Anbieter des Netzwerks letztendlich nicht wirksam verhindert werden“, sagt Dix.

Der Datenschutzbeauftragte rät deshalb grundsätzlich zur Zurückhaltung, was personenbezogene Daten in Online-Profilen anbelangt. Zudem empfiehlt er, den Zugriff auf die Daten nur für Freunde zu genehmigen. Mit dieser Einstellung haben Nutzer wenigstens etwas Einfluss darauf, dass ihre persönlichen Daten nicht schutzlos völlig Fremden ausgeliefert sind. Aber studiVZ hält davon wenig: Bei der Anmeldung empfiehlt der Netzwerk-Anbieter den freien Datenzugriff für jedermann, nach dem Motto „Nur wenn jeder alles gibt, haben wir hier richtig Spaß“.

Schlimmer noch findet das Unternehmen die Idee, sich mit Hilfe eines Spitznamens vor allzu großer Öffentlichkeit zu schützen. Wer Mitglied werden will, erfährt gleich als Erstes: „Damit Dich alte und neue Bekannte im studiVZ finden können, musst Du Deinen richtigen Namen angeben.“ Man muss natürlich gar nichts. Aber das muss man erst mal wissen. Und so lange schreiben die meisten ihren vollen Namen – und sind damit auch für Menschen auffindbar, die gar nicht nur am freundlichen Gedankenaustausch interessiert sind.

Nach den Anfang dieses Jahres stark diskutierten Absichten der Berliner Firma, ihre Mitgliederdaten für personalisierte Werbung zu nutzen, hat sich die Stimmung aber gewandelt. Immer mehr Nutzer scheinen ihren Namen im Nachhinein zu verfremden oder sich Spitznamen zu geben. Obwohl sie, wenn sie das tun, wiederum Ermahnungen des Anbieters „überklicken“ müssen. Der bittet deutlich darum, beim richtigen Namen zu bleiben, weil sonst der Sinn der Seite verloren ginge. Ein eingebautes moralisches Hindernis, sozusagen. Da hilft nur, sich eine eigene Meinung zu bilden. Damit man seine Urlaubsfotos nicht irgendwann überraschend in der „Bild“-Zeitung wiederfindet.

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