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Storch im Anflug - Geschichte eines Sympathieträgers
Von Tobias Böckermann
Meppen/Nordhorn.
Der Storch hält was von Traditionen. Wo er sich wohlfühlt, kommt er wieder, erfreut jahraus, jahrein mit seinem Geklapper. Aber wehe, er findet nichts mehr zu fressen: Dann fliegt Meister Adebar andere Nester an. Im Emsland zum Beispiel schaut der Storch seit 40 Jahren nur noch zum Mäusenaschen vorbei – ihm fehlen feuchte Wiesen. Nun allerdings scheint seine Rückkehr nicht mehr ausgeschlossen.
| Im Emsland schaut der Storch nur noch alle 40 Jahre vorbei. Fotos: Tobias Böckermann/Willi Rolfes |
In die benachbarte Grafschaft Bentheim ist der beliebte Vogel jedenfalls schon wieder eingeflogen. Rund um die Scheune Busch im Tierpark Nordhorn geht es am 29. Juni 2007 zu wie in der afrikanischen Savanne. Allerdings wimmeln nicht Zebras oder Gnus durch die nachgebaute Landschaft, sondern Fotografen und Kameraleute. Sie stapfen durch den vom Vortagsregen noch feuchten Sand des Zoogeheges, Tierparkmitarbeiter haben die Ärmel ihrer blauen Pullover hochgekrempelt.
Zwei Störche fliegen aufgeregt enge Kreise um ihr Lkw-Rad-großes Nest auf der Scheune. Ihr roter Schnabel, die Stelzenbeine und das weiße Gefieder mit den schwarzen Schwungfedern machen sie unverwechselbar. Sechs Wochen ist es jetzt her, dass einer der beiden Altstörche zum ersten Mal Regenwürmer, Mäuse und Frösche aus seinem Schlund hervorgewürgt hatte und damit ein sicheres Zeichen für die Anwesenheit hungriger Jungtiere gab.
Der Storchennachwuchs wurde schon früh geahnt
Dass Nachwuchs ins Storchenhaus stand, das hatte Tierparkleiter Thomas Berling seit jenem Tag im April geahnt, an dem sich zwei fremde Störche auf dem Dach der Zoo-Cafeteria gepaart hatten. „Storchengeklapper bekamen die Besucher gratis“, erinnert sich Berling und beobachtet nun, wie die Nordhorner Feuerwehr mit einem Drehleiterauto in die Savanne fährt.
Im Zoo leben zwar seit Jahren Störche. Aber sie werden zugefüttert, ziehen im Winter nicht fort und gelten deshalb nicht als Wildvögel. „Die beiden Neuen haben sich wohl angezogen gefühlt“, vermutet Berling. Nach ihrem Auftauchen habe man jedenfalls schnell ein Kunstnest auf der Scheune Busch angebracht und die roten Dachpfannen mit weißer Farbe angemalt. Wie gesagt: Störche lieben Traditionen, und ein durch den Kot von Artgenossen gefärbtes Dach bedeutet: Hier war schon mal einer, und er hat sich wohlgefühlt. Der Trick funktionierte. 2007 brüten erstmals seit 1930 wieder Wildstörche in der Grafschaft Bentheim.
 | Die Jungtiere liegen wie scheintot in ihrem Nest. Fotos: Tobias Böckermann/Willi Rolfes |
Entscheidend für das Prädikat „wild“ ist dabei nicht die Tatsache, dass Störche gar nicht so monogam leben wie der Mensch gemeinhin glaubt. Vielmehr suchen die beiden Nordhorner Altvögel ihre Nahrung nicht im Zoo, sondern staksen wie Zeremonienmeister durch die Nordhorner Vechtewiesen und das fünf Kilometer entfernte Syen-Venn. 450 Hektar wiedervernässtes Moor und Grünland bieten hier reichlich Kleingetier.
An diesem Junimorgen also dröhnt dort, wo sonst Zebras, Blessböcke und Marabus leben, der Motor des Feuerwehrautos. Zentimeter für Zentimeter schiebt sich seine Leiter über die halbe Afrika-Savanne vor zur Scheune Busch. Vorne im Korb: Zootierärztin Heike Weber und Vogelrevierleiterin Andrea Günnemann. Sie wollen die Jungtiere beringen.
Nur aus der Vogelperspektive sind die Jungtiere zu sehen
Die sind jetzt von unten nicht zu sehen. Erst aus einigen Metern Höhe lässt sich beobachten, wie die beiden scheintot in ihrem Nest liegen. Keinen Blick widmen sie den vielen Zweibeinern am Boden. Nur die über ihren Köpfen flatternden Eltern und die Besatzung des Feuerwehrkorbes nehmen sie vorsichtig ins Visier.
Die beiden Störche lassen sich widerstandslos von den Zoomitarbeiterinnen aus dem Nest nehmen. Dennoch: Storchenschnäbel sind lang und spitz, weshalb Weber und Günnemann den Tieren einen dunklen Sack über die Augen streifen. Man weiß ja nie. Das Gefieder staubt weiße Stippen auf die blauen Tierparkpullover.
 | Guten Appetit: Jetzt bekommen die Jungtiere ihre Mahlzeit - Regenwürmer sind die Leibspeise. Fotos: Tobias Böckermann/Willi Rolfes |
Unten angekommen, stellt sich das Zweibeiner-Quartett den Kameras – ohne Schutzhaube. Schnäbel und Beine der Störche sind noch jugendlich schwarz. Dann folgen ein kurzes Klicken, ein Druck mit der Zange, und die beiden tragen eine Art Personalausweis mit sich herum. „DEW 2X237 und DEW 2X238“ steht auf den Ringen, die internationalen Standards genügen. Sollten die Störche irgendwann irgendwo auf der Welt gesichtet werden, lässt sich durch einen Blick in die Datenbank der Vogelwarte Helgoland feststellen, dass es jene zwei Grafschafter Störche aus dem Sommer 2007 sind. Das Emsland hat derartige Erfolge nicht zu vermelden. Die letzten Storchenbruten liegen mindestens 40 Jahre zurück. Der Biologe Volker Blüml aus Osnabrück, als ehrenamtlicher Storchenbeauftragter der Vogelschutzwarte Niedersachsen für das Emsland zuständig, nennt den Schluss der Winterdeiche an der Ems in den 1960er Jahren als letzten entscheidenden Baustein für sein Verschwinden. „Jedes Storchenpaar benötigt gut 200 Hektar Feuchtgrünland zur Nahrungssuche“, sagt Blüml.
Geblieben sei aber – nicht nur im Emsland – oft zu wenig für den Storch. Dabei sei der Vogel nicht unbedingt auf Frösche fixiert. „Störche sind anpassungsfähig. In manchen Jahren fangen sie fast nur Mäuse. Aber wenn die Jungen klein sind, brauchen sie Regenwürmer – und die finden die Altvögel vor allem in feuchtem Grünland.“
Die letzten Bruten im Norden wurden in Aschendorf, Brual und Rhede registriert
Als es davon noch mehr gab, hatte Adebar außer ein paar Stromdrähten kaum Probleme. Dutzende Paare siedelten im Emsland. Aber bereits Ende der 1950er Jahre beschäftigten sich Wissenschaftler mit dem Vogel, dessen Niedergang nicht mehr zu übersehen war. Die letzten Bruten im Norden wurden in Aschendorf, Brual und Rhede registriert. Den Altkreis Lingen hatte der Storch schon 1939 verlassen. Im Altkreis Meppen brüteten letztmals 1965 Störche, und zwar nahe der Hase in Lastrup und Westrum. Auffällig war damals, dass Adebar im Norden lieber auf Bäumen siedelte als auf Gebäuden – Tradition verpflichtet eben.
Seit dem Verschwinden als Brutvogel kommen zwar immer mal wieder einzelne Störche auf Stippvisite vorbei – Lust auf Fortpflanzung hatte aber keiner mehr. Ob sich das ändert, hängt nach Einschätzung von Volker Blüml auch von Zufällen ab. „Wo eine Bruttradition einmal abgebrochen ist, lässt sich der Storch nicht so leicht wieder anlocken. Es müssen junge Tiere auf ein Horstangebot und attraktive Nahrungsplätze stoßen.“
 | Und so sehen satte und schläfrige Storchen-Jungtiere aus der Nähe aus. Fotos: Tobias Böckermann/Willi Rolfes |
Was die Horstplätze angeht, ist man im Emsland aktiv geworden. So wurde im Zuge des Life-Natur Projektes an der Ems bei Listrup ein Kunsthorst aufgestellt, gleiches haben die Kolpingsfamilie Salzbergen und vor kurzem erst eine Bürgerinitiative in Oberlangen unternommen.
Der Leiter der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises, Ludger Pott, sieht für den „Weißstorch Chancen auf Rückkehr. Ausgangspunkt wäre sicher der Tierpark Rheine“, meint er, weil dort Dutzende Brutpaare lebten. Im Emsland gebe es bei Salzbergen oder bei Lehe, Dersum und Brual inzwischen teils geschützte Grünlandgebiete, die wieder Storchenfamilien ernähren könnten. „Allerdings müssten die Rheiner Störche ihr luxuriöses Leben mit Futter und Feindschutz aufgeben und umziehen“, sagt Pott. Und Traditionen zu brechen ist bekanntermaßen nicht nach Storchenart.
Es ist nicht auszuschließen, dass sich der Adebar auch im Emsland wieder niederlässt
Dennoch: Im grenznahen Holland lebt Adebar, in Ostfriesland scheint der dramatische Abwärtstrend gestoppt, und durch das Osnabrücker Land flattern ebenfalls noch einige Paare. Nicht ausgeschlossen also, dass Exporte aus der Nachbarschaft dem Storch auch im Emsland wieder auf die Flügel helfen könnten.
Zum Beispiel aus Nordhorn. Die beiden Jungstörche sind im Herbst 2007 jedenfalls mit ihren Eltern nach Afrika aufgebrochen. Vor wenigen Tagen landete dann erneut ein Wildstorch im Zoo – der erste im Jahr 2008. Vielleicht ist das ja der Beginn einer neuen Storchentradition.
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