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Lautstark, aber unsichtbar

Von Tobias Böckermann
Meppen.
Wie beschreibt man eigentlich einen Unsichtbaren? Jemanden, der sich manchmal laut schnarrend in den Vordergrund drängt, es dann aber vorzieht, lautlos flatternd zu verschwinden? Carsten Marien vom NABU im Altkreis Meppen geht mit 14 Interessierten dieser Frage auf den Grund. Im Gänsemarsch ziehen sie ins Fullener Moor – zum Ziegenmelker, dem seltenen Vogel der Nacht.

ziegenmelker
Meister des Versteckspiels: Nur wer genau hinschaut, entdeckt bei Tage den Ziegenmelker.
Fotos: Tobias Böckermann
Ein Samstagabend im Mai, es ist 21.30 Uhr. Auf dem Parkplatz einer ehemaligen Außenstation des Bundesgrenzschutzes stellt sich Marien vor. Der 30-Jährige ist seit vielen Jahren ehrenamtlich im Naturschutzbund aktiv und kümmert sich um wertvolle Kulturlandschaften ebenso wie um Moore, Sonnentau und eben den Ziegenmelker. Mücken umschwirren die Menschen, die etwa zwischen vier und 70 Jahren alt sind und mehr erfahren wollen über den Ziegenmelker, der seinen Namen übrigens völlig zu Unrecht trägt – aber dazu später mehr.

Während die letzten Sonnenstrahlen am Horizont verschwinden und das melodische Flöten eines Brachvogels verstummt, setzt sich die Gruppe in Bewegung und geht nach etwa 100 Metern von der Straße ab, hinein in ein abgetorftes Moor. Der Boden federt unter jedem Schritt – es ist noch genug Torf geblieben, um zu erahnen, wie mächtig einst das Moor gewesen sein muss. Der Ziegenmelker lässt sich noch nicht blicken, dafür eine Waldschnepfe, die als schneller schwarzer Schatten in den Wald auf der anderen Straßenseite fliegt.

Die Gruppe geht weiter, nimmt einen Sandweg mitten hinein in die Reste des Bourtanger Moores, das mit 300000 Hektar einst das größte Hochmoor Mitteleuropas war. Marien ist zuversichtlich, hier auf Ziegenmelker zu treffen. Dieser taubengroße Geselle ist auch als „Katastrophenvogel“ bekannt – er liebt offenen Sandboden, Waldlichtungen (nach Feuern oder Stürmen) und Heiden. Aber auch die degenerierten, also vom Menschen entwässerten und veränderten Hochmoore bieten mit ihrer offenen, von Bäumen durchsetzten Landschaft und vor allem den Randbereichen gute Lebensräume. „Das Emsland bildet bundesweit einen Verbreitungsschwerpunkt“, sagt Marien zu seiner Gruppe. Und im Emsland wiederum sei das Fullener Moor eine Art „Hot Spot“ für Ziegenmelker.

Volker Blüml bestätigt das. Der Landschaftsentwickler hat vor fünf Jahren intensiv die Verbreitung des Vogels in Niedersachsen untersucht. 1700 bis 1800 Paare haben er und seine mehr als 30 Mitstreiter damals landesweit gezählt – davon 300 im Emsland, wo das Bourtanger Moor und die Tinner Dose die größten Bestände aufzuweisen hatten. Insgesamt ist der Ziegenmelker mit 5000 bis 7000 Brutpaaren bundesweit eine stark gefährdete Art – der Rückgang offener und halboffener, extensiv genutzter Landschaften ließ ihn lange Zeit seltener werden. Derzeit scheint sich der Bestand zu stabilisieren.

flug
Seltenes Dokument: ein Ziegenmelker im abendlichen Flug.

Ausgestattet waren die Erfasser rund um Volker Blüml zumeist mit Klangattrappen. „Wir sind mit CD-Playern nachts in Moor und Heide gezogen und haben den Ziegenmelkern ihren eigenen Schnurrton vorgespielt“, erinnert sich Blüml, der in Osnabrück ein Büro für Landschaftsplanung betreibt. Männliche Ziegenmelker markieren mit dem Ruf ihr Revier, und wenn ein Konkurrent Laut gibt, laufen andere in der Regel zur Hochform auf. Marien hat keine Klangattrappe dabei (die ist auch nur für systematische Erfassungen erlaubt), er ist sich auch so seiner Sache sicher. Nicht mehr lange kann es dauern, meint er, bis jenes langgezogene „err-örrrrr-err-örrrrr“ erklingt, das entfernt an eine Nähmaschine erinnert. Bis zu neun Minuten am Stück schafft ein Ziegenmelker.

Vieles ist gemessen und erforscht worden an diesem merkwürdigen Vogel. Man weiß zum Beispiel, dass er stets zwei Eier auf den nackten Boden legt, die im Schnitt 8,4 Gramm wiegen. Man kennt seine Ankunft aus dem Überwinterungsgebiet in Afrika (Ende April) und seinen Wegzug (schon im August). Auch ist bekannt, dass Ziegenmelker Schachtelbruten bewerkstelligen: Weibchen bebrüten schon wieder Eier, während die Männchen noch die Jungtiere aus der ersten Brut betreuen. Vieles also ist bekannt über diesen Vogel – doch gesehen haben ihn wohl die wenigsten.

Inzwischen ist es dunkel geworden, und Bäume und Sträucher verwischen zu undeutlichen Schemen. Und da ist es plötzlich, das lang ersehnte, monotone Surren. „Direkt vor der Gruppe in einer 15 Meter hohen Birke muss das Männchen sitzen“, flüstert Marien. Es lässt seinen Balzgesang langsam anschwellen, bis ein paar Hundert Meter weiter erst ein Männchen antwortet, dann ein zweites und schließlich ein drittes. Die Gruppe steht still und lauscht. Niemand kann den Vogel sehen, Ferngläser nützen in der Dunkelheit nichts.

ziegenmelker
Auf ins Moor: Carsten Marien führte die Ziegenmelkerwanderung an.

Seine versteckte Lebensweise hat dem Ziegenmelker auch seinen diskriminierenden Namen eingebracht. Der römische Gelehrte Plinius (23–79 nach Christus) schrieb: „Sie stehlen bei Nacht, denn am Tage können sie nicht sehen. Sie dringen in die Ställe der Hirten und fliegen nach den Eutern der Ziegen, um Milch zu saugen. Durch diese Gewalttätigkeit stirbt das Euter ab, und die so gemolkenen Ziegen werden blind.“ Nichts von dem, was der antike Gelehrte schrieb, stimmt. Der Ziegenmelker ernährt sich vielmehr von Insekten, die er mit seinem verhältnismäßig riesigen, mit Borsten ausgestatteten Rachen in der Abenddämmerung und bei Nacht aus der Luft filtert – 17 Gramm braucht ein Vogel pro Tag. Dass er dies gerne in der Nähe des Weideviehs tut, hat einen einfachen Grund: Auch Fliegen mögen Ziegen, Schafe und Rinder und sind in ihrer Nähe besonders reichlich zu erbeuten.

Den Menschen war der Ziegenmelker, der heute auch als Nachtschwalbe bezeichnet wird, stets unheimlich. Überall erhielt er neue Namen und wurde als Kindermelker, Pfaffe oder Hexe verunglimpft und für die rastlos umherstreifenden Seelen ungetaufter Kinder gehalten. Bemerkenswerter als diese Andichtungen sind andere Fähigkeiten. Der Ziegenmelker kann zum Beispiel in den Zustand der Hypothermie verfallen, einen energiesparenden Hungerschlaf, den es in der einheimischen Vogelwelt so nicht noch einmal gibt. In verregneten Sommern können die Vögel damit Zeiten ohne Insekten überbrücken. Die Teilnehmer der NABU-Wanderung haben mit derlei Geschichten gerade wenig im Sinn. Schließlich surrt es jetzt beinahe an jeder Wegbiegung, und am Ende der eineinhalb Stunden im Moor gibt sich Caprimulgus europaeus, wie der Vogel mit wissenschaftlichem Namen genannt wird, dann doch noch von Angesicht zu Angesicht die Ehre. Nach einem fünfminütigen Solo auf einem Baum flattert ein Männchen lautlos auf die Gruppe zu und klatscht mit den Flügeln – ein Zeichen seiner Erregung.

Carsten Marien ist zufrieden und lüftet am Ende ein letztes kleines Geheimnis, nämlich: Was macht der Ziegenmelker eigentlich tagsüber? „Man könnte sagen: er stellt sich tot“, sagt Marien. Tatsächlich verharrt der Vogel am liebsten den ganzen Tag auf dem Erdboden oder auf einem Ast – perfekt getarnt durch sein fleckiges Federkleid. Einmal, so berichtet Marien, sei er mit einem Bekannten im Moor gewesen und habe eine halbe Stunde diskutierend auf einem Fleck gestanden. Der Bekannte habe dann einfach so einen Ast mit dem Fuß angestoßen, und erst in diesem Moment sei ein Ziegenmelker aufgeflogen. „Der hat die ganze Zeit vor uns gesessen und sich nicht gerührt.“

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