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Reportagen 01.04.2009
-

Chefhenker der Roten Khmer bittet vor Sondertribunal um Verzeihung

Von Klaus Jongebloed
Phnom Penh.
Es scheint, als ob der weißhaarige Mann nicht wahrhaben will, wie das alles geschehen konnte. Nicht wissen möchte, was wirklich passiert ist. Auch 30 Jahre nach dem Schrecken nicht. Chea Chon hat nach eigenen Worten fast 30 Jahre für die Roten Khmer in Kambodscha gekämpft. War ihm nie klar, welche Gräueltaten das kommunistische Regime unter Pol Pot beging?

An die Misshandelten und Ermordeten des Rote-Khmer-Regimes erinnert ein Museum. Foto: epd
An die Misshandelten und Ermordeten des Rote-Khmer-Regimes erinnert ein Museum. Foto: epd
"Von den Morden wussten wir nichts"

Chea: „Wir Militärs hörten immer nur Gerüchte. Von den Morden wussten wir nichts.“ Pol Pot sei nicht so schlecht gewesen, „wie ihn alle darstellen“, sagt er unserer Zeitung. Von der unter Pol Pot errichteten Folterhölle Tuol Sleng, S-21 genannt, will Chea nichts gehört haben. Oder von den Killing Fields, den Exekutionsäckern der Roten Khmer. Immerhin: „Seit ich von den Verbrechen erfahren habe, tut mir alles unendlich leid.“ Und dann, als er nach den Babys gefragt wird, die von den Khmer Rouge auf den Killing Fields bei lebendigem Leib an Bäumen zerschlagen wurden, fängt er an zu weinen.

Stimme der Opfer

Die Tränen kommen Chea vielleicht auch, wenn er heute Radio hört: FM 102, 15 bis 16 Uhr Ortszeit. Dann lässt der Rundfunksender des Frauenmedienzentrums Women’s Media Center (WMC) Opfer der Roten Khmer zu Wort kommen. Wie seit Monaten jeden Mittwoch. Doch in dieser Woche hat das alles eine besondere Bedeutung. Und ihren Teil dazu beigetragen haben auch zwei Deutsche: Psychologin Judith Strasser kümmert sich um Opfer, Rechtsanwältin Silke Studzinsky nimmt als Nebenklagevertreterin am Völkermordtribunal teil.

Tödliches Terrorregime

Die historische Hauptverhandlung vor diesem Sondertribunal zur Aufarbeitung der Gewaltverbrechen unter Pol Pot hat diese Woche begonnen. 30 Jahre nach den Geschehnissen zwischen 1975 und 1979. Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft sind im Foltergefängnis S-21 mindestens 12380 Menschen misshandelt oder ermordet worden. Insgesamt wurden unter dem Terrorregime rund zwei Millionen Menschen getötet. Duch, alias Kaing Guek Eav, steht als erster von fünf angeklagten Ex-Führungskadern vor Gericht. Gestern übernahm der Chefhenker und frühere S-21-Leiter Verantwortung für seine Taten, bat die Opfer um Verzeihung. Zu den Hauptverantwortlichen will er allerdings nicht gezählt haben.

Judith Strasser, die vom Deutschen Entwicklungsdienst (ded) nach Kambodscha geschickt wurde, hält das Tribunal für die Opfer für enorm wichtig: „Sie haben zum ersten Mal die Chance, aus ihrer Rolle als Opfer herauszutreten.“ Vielen, die immer noch in der Nähe der früheren Täter wohnten, falle es schwer, mit Gefühlen wie Hass und Wut umzugehen. „Das liegt an der Kultur hier, die solche Empfindungen tabuisiert“, sagt die 39-Jährige unserer Zeitung. „Aber wenn solche Gefühle permanent verdrängt werden, kann keine Heilung stattfinden.“ Was die Lage nach ihren Worten nicht besser macht: Die Regierung Hun Sen, der damals für die Roten Khmer kämpfte, hat gewissermaßen eine nationale Versöhnung angeordnet.

Tribunal "nur ein Feigenblatt"?

Strasser: „Die Regierung will einen Schlussstrich ziehen, keine Konfrontation zwischen Opfern und Tätern.“ Nach Strassers Ansicht ist das Tribunal für die Regierung „nur ein Feigenblatt. Ein Interesse an Aufarbeitung der Vergangenheit gibt es seitens der Regierung nicht.“ Dass es mit dem Sondertribunal längst nicht getan ist, liegt für Strasser auf der Hand: „Der Genozid der Roten Khmer hat insofern im heutigen Kambodscha tiefe Spuren hinterlassen, als die Menschen sich massiv isolieren und sich fernhalten von allem, was mit Gesellschaft zu tun hat.“ Die Familie sei einziger Anker.

Kein Thema im Unterricht

Die Menschen in Kambodscha haben nach Strassers Empfinden „Angst aufzufallen, ihre Rechte einzufordern, politisch aktiv zu werden. Sie leben hinter Gittern, gehen abends nicht auf die Straße.“ Verschlimmert werde die Situation auch dadurch, „dass die Rote-Khmer-Vergangenheit bisher nicht im Unterricht behandelt wird - und das, obwohl 75 Prozent der Kambodschaner unter 25 Jahre alt sind“. Damit sich das ändert, hat das Frauenmedienzentrum WMC die Initiative mit einem eigenen Radiosender ergriffen: Jeden Mittwochnachmittag gehört den Opfern das Wort. „Sie erzählen von Trauer, Umgang mit Verlust, von der Bedeutung des Tribunals für den eigenen Heilungsprozess“, sagt Strasser. „Das Unrecht will ausgesprochen werden.“

Manchmal allerdings hilft zur Heilung nur das stille Gedenken. Rechtsanwältin Studzinsky etwa erzählt von einem Fall, der sie sehr bewegt hat: Eine Frau habe sich vor Kurzem eine kleine Fläche Land gekauft. Nur ein paar Quadratmeter groß. Mit einem Baum darauf. „An dem sind ihre Eltern von den Roten Khmer erschlagen worden. Die Tochter musste das mit ansehen“, sagt Studzinsky.  

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