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Reportagen 23.12.2009
-

Frieden auf der Wunschliste ganz oben - Briefe afghanischer Mädchen lassen die ganze Tragödie des Landes erkennen

Von Marcus Tackenberg
Osnabrück.
„Wir möchten nicht, dass die Menschen kämpfen, weil so viele sterben“, schreibt ein Mädchen aus Afghanistan auf seinen Wunschzettel. Auf demselben Blatt malt es ein brennendes Haus, drei verletzte Bewohner und einen Mann, der gerade mit einer Panzerfaust zielt. Es ist die Tragödie, die sich in der Nachbarschaft abspielte.

„Wir haben noch viele andere Briefe erhalten, die ähnliche Situationen beschreiben“, schildert Nadia Nashir-Karim, Vorsitzende des Afghanischen Frauenvereins in Osnabrück. Vor ihr auf dem Tisch liegt ein ganzer Stapel. Darin findet sich auch der Brief der achtjährigen Nourina. Sie wünscht sich nichts anderes als einen gelben Regenschirm für sich und ihre Freunde. In ihrer Fantasie hat der Schirm Ohren, Augen und eine Nase – und ähnelt damit einer Katze. Nourina besucht die Marefat-Mädchenschule für afghanische Flüchtlingsmädchen in der pakistanischen Stadt Peschawar. An ihren Brief hat die Erstklässlerin ein Foto geheftet, auf dem sie traurig wirkt.

„Mein Vater ist blind, und wir sind sehr arm“, steht im Brief von Fakhira. „Wir wünschen uns Hilfe, damit sich unser Leben ändert.“ Die Neunjährige geht zur Roschani-Mädchenschule in der afghanischen Provinz Ghazni. Am 17. Dezember hat für sie wie für alle anderen Muslime das neue islamische Jahr begonnen. Aus diesem Anlass, und weil die Christen gerade Weihnachten feiern, träfen bei der Hilfsorganisation in Osnabrück fast täglich Briefe ein mit den Wünschen, aber auch Grußbotschaften der Kinder, erklärt Nadia Nashir-Karim.

Vieles geht der Exil-Afghanin und ihren Mitarbeitern zu Herzen. Etwa wenn ein Schulmädchen völlig selbstlos mitteilt, dass es einen Schreibtisch für die liebe Lehrerin wünscht. „Es sind ganz verschiedene Botschaften“, fasst Nashir-Karim die Post zusammen. „Dennoch spiegeln sie die große gemeinsame Hoffnung der Mädchen auf ein ganz normales Leben in Frieden und Sicherheit wider.“

Auch Berufswünsche und Lebensperspektiven werden von den Mädchen früh reflektiert. „Ich möchte wie meine Schwester das Abitur machen und an der medizinischen Fakultät in Dschalalabad studieren“, notiert die zwölfjährige Robie. Und die 16-jährige Suheila schreibt auf Englisch: „I want to be a doctor and to be kind and intelligent to help for my country“ (Ich möchte eine Ärztin werden, nett und intelligent, um meinem Heimatland zu helfen). Dazu malt Suheila sich selbst als erwachsene Frau, die mit einem Stethoskop gerade eine Patientin untersucht.

Die Roschani-Mädchenschule in Ghazni liegt mitten im Taliban-Gebiet, erklärt Nashir-Karim. „Trotzdem läuft der Unterricht weiter. Hier wollen die Bewohner nichts von den Taliban wissen. Sie stehen voll hinter unserem Schulprojekt.“ Auch in der Marefat-Schule seien Kinder wie Pädagogen sehr engagiert. Beide Häuser wurden vom Afghanischen Frauenverein (AFV) in den 1990er-Jahren gegründet und seither unterstützt.

„Mittlerweile sind sie als Gymnasien registriert und für ihr hohes Niveau bekannt“, freut sich die AFV-Vorsitzende über den Erfolg. Neben den allgemeinbildenden natur- und geisteswissenschaftlichen Fächern erhalten die Mädchen auch Sport- und Kunstunterricht. „Viele Eltern drängen darauf, ihre Töchter zur Schule zu schicken.“ Die Motivation der Kinder sei enorm. Das erleben Nadia Nashir-Karim, AFV-Schirmherr Roger Willemsen und die Vereinsmitglieder immer wieder bei Besuchen in Afghanistan und Pakistan.

Bereits im Frühjahr dieses Jahres war Nashir-Karims Koffer beim Rückflug nach Deutschland schwerer als bei ihrer Ankunft – beladen mit Bildern und gebastelten Geschenken. Die Wünsche der Mädchen nach Stiften, Heften und Schulkleidung kann der Afghanische Frauenverein mit Sitz in Osnabrück nur mithilfe seiner Förderer und Spender erfüllen.

„Vielleicht kommt bald eine Zeit, in der ein Brief wie der von Shikira überflüssig wird“, meint die AFV-Vorsitzende mit nachdenklichem Gesicht. Auf der linken Seite hat das Mädchen ein zerstörtes Haus gemalt, auf der rechten ein neues Gebäude mit Gardinen hinter den Fenstern und einer Friedenstaube über dem Dach. Darunter steht: „Wir lieben Frieden – und nur das ist stets meine Hoffnung.“

Artikel Artikel: Links ein im Krieg zerstörtes Haus, rechts ein neues Gebäude mit Gardinen: So malt sich Shikiba die Zukunft aus.
Bildergalerie Bildergalerie: Briefe afghanischer Mädchen: Frieden auf der Wunschliste ganz oben

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