
Die Kohlenstoffbombe
Von Klaus Jongebloed
Palangkaraya/Borneo
Der Tag ist noch jung. Aber Jakarta ist schon verstopft. Wie auf der Casablanca-Straße quälen sich die Autos auch andernorts mühsam durch Indonesiens Hauptstadt. Sie protzt mit ihren Hochhäusern. Ein Kommentator der Zeitung „Jakarta Post“ erinnert die Politiker an ihr Versprechen, endlich Grünflächen zu schaffen. Kaum etwas sei geschehen.
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| Waldbrände wie hier auf Borneo zerstören ebenso wie Entwässerung jedes Jahr Millionen Hektar des indonesischen Regen- und Torfmoorwaldes. Die Folgen fürs Klima sind verheerend. |
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Foto: Klaus Jongebloed
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Aus einem Zimmer im elften Stock des Park-Lane-Hotels sieht man die Millionenstadt eingehüllt in einen giftigen Dunstschleier. Wie fast jeden Tag. Wenigstens müssen die Menschen heute keine Masken zum Schutz vor Abgasen tragen oder vor Rauchschwaden schwelender Feuer. Die Indonesier nennen das „haze“. Solche riesigen Aschewolken entstehen, weil Bauern und Betriebe Feuer legen, um möglichst billig Buschland und Waldflächen zu roden und urbar zu machen. Oft entzünden sich die Flächen selbst. Unter der Tropensonne brennt trockengelegtes Moor wie Zunder.
Nach einer Stunde Flug von Jakarta nach Palangkaraya sieht die Welt zwar anders aus. Besser ist sie auf Borneo nicht. Die weltweit drittgrößte Insel gehört unter dem Namen Kalimantan zu zwei Dritteln zu Indonesien, außerdem in Teilen zu Malaysia und dem Sultanat Brunei. Mitte des 19. Jahrhunderts war Borneo – nahezu zweimal so groß wie Deutschland– zu rund 95 Prozent mit Wäldern bedeckt. Heute steht davon nur noch die Hälfte. Borneo droht der Ausverkauf seiner Ressourcen. Die indonesische Insel Sumatra ist davon längst gezeichnet. Papuablickt in eine ähnlich düstere Zukunft.
Jedes Jahr, so rechnet die Umweltorganisation WWF in einer aktuellen Studie vor, verliert Indonesien von seinen derzeit etwa 80 Millionen Hektar Regenwald rund 1,3 Millionen Hektar – fast die vierfache Fläche Mallorcas. In Gefahr sind aber nicht nur die Bäume. Auf dem Spiel steht auch ein Naturschatz, der sich im Boden befindet und für das Weltklima eine lange unterschätzte Bedeutung hat: Indonesiens Torfmoor, das anders als die rund zwei Meter dicken Hoch- und Niedermoore in Deutschland eine Tiefe von bis zu 15 Metern und mehr erreichen kann und zudem bewaldet ist, sei „ein gigantischer Kohlenstoffspeicher“, sagt Guénola Kahlert, Wald- und Klimaexpertin des WWF. Pro Hektar Torf, so Kahlert, können zwischen 3000 und 6000 Tonnen Kohlenstoff (C) gelagert sein.
Welcher Zündstoff sich hinter dieser Zahl verbirgt, macht Hans Joosten, Professor für Moorkunde an der Universität Greifswald, deutlich: „In allen Mooren der Welt haben sich über Tausende Jahre rund 500 Gigatonnen, also 500 Milliarden Tonnen Kohlenstoff, angesammelt – so viel wie die gesamte Biomasse der Erde.“ Die Zeitspanne verwundert kaum. Denn Torf wächst pro Jahr nur millimeterweise – aus abgestorbener Biomasse unter Wasser und ohne Sauerstoff. Allein in Indonesiens rund 21 Millionen Hektar Torfmoorwäldern haben sich Joosten zufolge etwa 55 Gigatonnen Kohlenstoff eingelagert.
Florian Siegert, Biologie-Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Geschäftsführer von Remote Sensing Solutions (RSS), das satellitengestütztes Ressourcenmanagement anbietet und mit dem WWF in Indonesien zusammenarbeitet, ergänzt: „Den Torfmooren kommt beim Klimaschutz eine enorme Bedeutung zu.“ Ihr Erhalt müsse eine entscheidende Rolle beim Weltklimagipfel in Kopenhagen spielen. Der derzeit diskutierte sogenannte REDD-Mechanismus zur Senkung von Emissionen aus Entwaldung und Waldschädigung sei eine Chance, Indonesien für den Schutz von Wald und Moor zu entschädigen. Siegert warnt: „Durch Entwaldung, Entwässerung und Brandrodung in tropischen Torfgebieten werden gewaltige Mengen an Kohlenstoff freigesetzt.“ Kohlenstoff verbinde sich dann mit Luftsauerstoff zum Treibhausgas Kohlendioxid (CO2 ) – dem 3,6-Fachen von Kohlenstoff. Würden 55 Gigatonnen Kohlenstoff freigesetzt, entstünden also 198 Gigatonnen Kohlendioxid. Joosten: „In Indonesiens Torf tickt eine konzentrierte Kohlenstoffbombe.“ Betroffen sei übrigens auch die Europäische Union. „Die EU ist nach Indonesien der zweitgrößte Emittent von Kohlendioxid aus Mooren.“
In seiner Untersuchung über Indonesiens Wälder weist der WWF darauf hin, dass die Zerstörung der Torfmoorwälder pro Jahr weltweit mit mehr als drei Milliarden Tonnen CO2 zum Klimawandel beiträgt. Demnach entfallen rund 1,75 Milliarden Tonnen auf Indonesien. Schlimmer noch: Entwaldung und Brände auf den indonesischen Inseln machen Indonesien zum weltweit drittgrößten Verursacher von Treibhausgasen – nach China und den USA, so der WWF.
Die trüben Prognosen für die Torfmoorwälder Indonesiens sind für Waldexpertin Guénola Kahlert ein Grund, nicht vorzeitig in den Abgesang auf die Weltklimakonferenz im Dezember einzustimmen. „Kopenhagen darf nicht scheitern“, ruft die Geologin, um das Motorengeräusch des Schnellboots zu übertönen. Bei der rasend schnellen Fahrt über den imposanten Sebangau-Fluss, der sich tiefbraun durch Zentral-Kalimantan im Süden Borneos schlängelt, huscht palmenähnliche Vegetation vorbei. Eine Mitfahrerin ist aus dem Häuschen, als sie ein kleines Krokodil am Ufer sieht. Der Sebangau-Fluss wirkt wie eine Wasserscheide: Westlich liegt der 600 000 Hektar große Sebangau-Nationalpark, der zu vier Fünfteln aus mächtigen Torfmoorwäldern besteht, östlich ist verbrannte Erde.
„Einer der Gründe für die Wald- und Torfmoor-Zerstörung in Indonesien ist die illegale Abholzung, aber auch der legale Holzeinschlag durch große Firmen ab Mitte der 1970er-Jahre“, erklärt Kahlert. Das Fatale: Mit der Abholzung ging die Entwässerung des Torfmoors einher. Hunderte Kanäle wurden als Transportwege gegraben, um Edelhölzer wie Teak, Merbau, Eisenholz und Bankirai fortzuschaffen.
Der Sebangau-Park ist der Geologin ans Herz gewachsen. Denn dort betreut sie das aus ihrer Sicht entscheidende Projekt, um die Entwässerung zu stoppen und das Moor wiederzuvernässen: Der WWF baut Dämme in die Kanäle, die den Sebangau-Park wie Furchen durchziehen. „89 sind schon fertig, 255 Dämme sollen es werden“, erzählt Kahlert begeistert. Sie weiß aber auch: Es müssten noch viel mehr sein.
Ein Damm-Exemplar befindet sich am Kanal 21, nahe dem Sebangau-Fluss. „Man sieht schon einen Effekt“, strahlt Kahlert. „Hinter dem Damm wird es bereits saftig grün.“ Wenige Meter entfernt, dort, wo der Boden kahl und karg ist, steht ein einsamer Zeuge und zeigt, wie es hier einmal ausgesehen hat: der übrig gebliebene Stumpf eines gefällten Belangeran. Ein solcher Baum kann bis zu 50 Meter hoch werden.
Anders als der WWF geht Moorkundler Joosten von geringeren CO2 -Emissionen durch Torfmoorwälder aus – nämlich in Indonesien jährlich etwa eine Milliarde Tonnen Kohlendioxid durch Brände und Entwässerung. Weltweit seien es pro Jahr rund zwei Milliarden Tonnen Kohlendioxid. „Doch selbst diese zwei Gigatonnen sind fast sechs Prozent des jährlichen CO2 -Ausstoßes von etwa 33 Milliarden Tonnen weltweit“, warnt der Professor. Dammbau als Mittel gegen Entwässerung könne zwar hilfreich sein. Ganz so euphorisch wie Kahlert ist er aber nicht: „Oft zerstören die Einheimischen die Dämme wieder, um die Kanäle als Transportwege zu nutzen.“
Was Joosten meint, wird bei einem Rundflug über den Sebangau-Park in einer Cessna 185 klar. Chris, der Pilot, überfliegt Palmöl-Plantagen, ausgemergelte Wälder, die das typische wie ein Brokkoli-Kopf geformte Regenwalddach längst verloren haben, und viele Brandherde, die beißenden Rauch durchs geöffnete Cessna-Fenster in die Nase steigen lassen. Bis er plötzlich zu sehen ist: Ein Bagger steht am Fuße eines lang gezogenen Kanals und gräbt mit seinem Tieflöffel im fast baumfreien Moorboden.
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