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Kampf um ein Stück Land
Von Klaus Jongebloed
Osnabrück/Berlin.
Entrechtet, vertrieben, ermordet: So sah jahrhundertelang das Schicksal der Ureinwohner in Paraguay aus. „Ganz schlimm war es unter Diktator Alfredo Stroessner“, sagt Gerold Buhl. „Da galten die Indigenas gar nichts“, fügt der Geschäftsführer der „Indianerhilfe in Paraguay“ hinzu. Seit nunmehr 30 Jahren setzt sich der von Osnabrückern mitgegründete Verein mit Sitz in Mellendorf bei Hannover für die indigenen Stämme im südamerikanischen Land ein, kümmert sich um Gesundheit, Bildung, Landwirtschaft und vor allem um die Landrechte der Indianer.
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Wildschwein: So heißt Andres Chachugi vom Stamm der Aché in seiner eigenen Sprache tatsächlich. Er jagt wie seine Vorfahren im Wald, der auch für die anderen Ureinwohner Heimat ist. Foto: Manfred Zimmermann |
Wenn heute Vormittag in Berlin vor der Botschaft Paraguays Großpuppen in die Luft steigen, dürfte klar werden, warum solche Unterstützung immer noch unentbehrlich ist: Mit der Aktion wollen die beiden Menschenrechtsorganisationen Amnesty International (ai) und Fian „Druck auf die Regierung unter Präsident Fernando Lugo machen“, wie es Fian-Agrarexperte Roman Herre ausdrückt. „Damit sie endlich die Urteile des Interamerikanischen Gerichtshofes in Costa Rica sowie die Vorgaben der Verfassung umsetzt und Land an die Indigenas zurückgibt.“ Überdies habe Lugo Ende vorigen Jahres ein Gesetz unterzeichnet, das Enteignungen zulasse. „Allerdings wird es immer noch im Parlament beraten.“
Das Engagement von ai und Fian gilt außer der indigenen Gruppe Yakye Axa vor allem auch den Sawhoyamaxa. Ins Visier nehmen die Menschenrechtler dabei vor allem einen deutschen Großgrundbesitzer, den sie am liebsten enteignet sehen möchten. „Er besitzt die fast 15000 Hektar, auf denen die Sawhoyamaxa ursprünglich siedelten, während die Ureinwohner seit zehn Jahren an einer Fernstraße ihr Leben fristen“, sagt Herre. Anders als vom Deutschen behauptet, liege viel Land brach. „In einem solchen Fall ist eine Enteignung laut Gesetz gerechtfertigt“, sagt Herre.
Der aus Mainz stammende deutsche Großgrundbesitzer ist übrigens kein Unbekannter: Ende 1982 kam der damals 31-Jährige in Haft, weil er über 1200 Investoren über den Tisch gezogen und rund 130 Millionen Mark abkassiert hatte – mit fingierten Paraguay-Geschäften über sein Büro „Treubesitz-Südamerika“.
Der Zeitpunkt des Protests vor der Botschaft ist ganz bewusst gewählt: Denn heute ist der internationale Tag der Landlosen zum Gedenken an das Massaker von Eldorado dos Carajás in Brasilien, bei dem 1996 während einer friedlichen Demonstration 19 Landlose von der Polizei ermordet wurden. Ob jedoch dieses Datum den Menschenrechtlern hilft, ihrem Ziel näher zu kommen, steht in den Sternen: Von den rund 108000 Indigenas in Paraguay ist nahezu die Hälfte ohne Besitztitel. Ohne Recht also auf das Land, auf dem ihre Vorfahren gelebt und geackert haben.
Wie tragisch dieses Schicksal ist, wissen zwei Menschen ganz genau: Der aus Italien stammende Salesianer-Pater José Zanardini und Mariblanca vom Orden „Schwestern des Dienstes des Heiligen Geistes“. Beide leben seit vielen Jahrzehnten im südamerikanischen Land. Beide werden unterstützt vom Verein „Indianerhilfe“.
Zanardini hat vier Jahre mit Indigenas zusammengelebt. „Wie war das?“ „Was hat er empfunden, was hat er erlebt?“ Der 66 Jahre alte Padre zögert mit der Antwort, steht gedankenverloren im katholischen Gemeindehaus in Mellendorf, wo er gerade zum 30-jährigen Bestehen der „Indianerhilfe“ als Gastredner gesprochen hat. Dann sagt er kurz: „Ich habe zu viel gelernt.“
Ihm sei klar geworden, „dass es etwas gibt, das die Menschen viel mehr erfüllt als unsere Kultur und unser Lifestyle in Europa“. Bestes Beispiel sei die Zeit. „Die Indigenas kennen keine Uhr. Bei ihnen kommt sie von Sonne und Mond.“ Stress, psychische Krankheiten, Depressionen: All das sei den Ureinwohnern fremd. Der Padre: „Die Indianer schlafen in der Nacht. Sie brauchen dafür keine Tabletten. Wir in Europa müssen laufen, laufen, laufen – sonst sind wir verloren.“ Missionarin Mariblanca, die mit Schamanen traditionelle Behandlungsmethoden von Krankheiten gesammelt und in einem Buch veröffentlicht hat, ergänzt: „Die Indianer hören, wie die Bäume miteinander sprechen.“
Die neuen Gesetze zum Schutz der Indigenas sieht Pater Zanardini positiv. „Aber sie kommen zu spät.“ Durch Anbau von Gensoja und Agrospritpflanzen sei ein Großteil der Wälder zerstört. „Doch der Wald ist für die Indianer alles“, sagt der Padre verzweifelt. „Der Supermarkt, die Apotheke, der Tempel, die Schule.“
Zu allem Übel ist fraglich, ob die Indigenas noch vom anfangs so gefeierten Ex-Bischof und jetzigen Präsidenten Lugo Hilfe erwarten dürfen. Der Stuhl des Staatschefs wackelt bedenklich, seit er kurz nach Ostern einräumen musste, dass er in seiner Zeit als katholischer Kirchenmann nicht nur ein Verhältnis mit einer Hausangestellten hatte, sondern mit ihr auch einen mittlerweile zweijährigen Sohn zeugte.
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Mehr dazu:
www.fian.de
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Mehr dazu:
www.indianerhilfe-paraguay.de
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Mehr dazu:
www.amnesty.de
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