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November 2009 06.11.2009
-

Anja Gockel: Deshalb gibt es Magermodels

Von Joachim Schmitz
Mainz.
Sie kleidet Stars wie Königin Silvia von Schweden und Gwyneth Paltrow ein, hat schon dreimal das Finale von „Germany’s Next Topmodel“ ausgestattet und gilt als Ausnahmeerscheinung unter Deutschlands Modeschöpferinnen. Nebenbei ist Anja Gockel Mutter von vier Kindern und Chefin von 20 Mitarbeitern – 19 Frauen und einem Mann.

Designerin Anja Gockel mit Schauspielerin Alexandra Kamp (rechts).
Designerin Anja Gockel mit Schauspielerin Alexandra Kamp (rechts).

Ihr Atelier in einer umgebauten Mainzer Munitionsfabrik atmet bis in den letzten Winkel Kreativität und Lebensfreude. Hinter einem großen Glas Milchkaffee sprechen wir über Mode, Magermodels und die viel diskutierte Kampagne der Frauenzeitschrift „Brigitte“, die künftig auf professionelle Models verzichten will:

Frau Gockel, wie lange brauchen Sie eigentlich, um festzustellen, dass Ihr Gegenüber kein Modeexperte ist?

Eine Sekunde (lacht).

Also bin ich schon enttarnt?

Ja, aber im positiven Sinne. Ein Nicht-Modexperte ist ja im besten Sinne neutral. Der Experte hält sich am Saum fest, der Nicht-Experte hat einen besseren Blick aufs Ganze. Deswegen hat bei mir die Praktikantin, die gerade von der Schule kommt, genauso viel zu sagen wie die Schnitt-Direktrice. Die Praktikantin hat einen völlig offenen Blick und kann sich nicht vorstellen, dass der Saum aus diesem oder jenem Grund hochgeklappt ist. Die sagt nur: Warum klafft der Saum da unten?

Haben Sie den Scanner-Blick einer Modeschöpferin, wenn Sie Menschen begegnen?

Mir sind die Menschen viel wichtiger als die Mode. Aber natürlich sehe ich, ob sich jemand viel mit Mode beschäftigt oder nicht. Bei Ihnen habe ich den Eindruck, dass Sie einfach der sind, der Sie sind. Und so kleiden Sie sich auch. Sie stehen bestimmt nicht stundenlang vor dem Spiegel und überlegen, welches Hemd Sie anziehen.

Hab ich aber.

(lacht) Es passt auch sehr gut zur Hose. Das würde mein Mann kaum hinkriegen, erst heute morgen habe ich ihm erklärt: Schwarz ist nicht gleich schwarz. Aber vom Typ her sind Sie trotzdem nicht derjenige, der stundenlang vor dem Spiegel steht.

Apropos Hemden: Ist es richtig, dass Sie jetzt auch Herrenhemden entwerfen?

Wir sind gerade dabei und haben für die nächste Saison schon ein paar Prototypen. Bei Anzügen ist ja kaum was zu machen, aber bei Hemden darf man schon mal kreativ sein, auch wenn man einen konservativen dunklen Anzug darüber trägt. Wir haben zum Beispiel ein Hemd entworfen, das ist ganz normal weiß, hat aber keine gerade Leiste, sondern eine schräge und dazu zwei Wellen. Klassisch, aber doch ganz anders – so schweben mir Männerhemden vor.

Unter Ihren Kundinnen sind jede Menge Prominente. Kann man Sie eigentlich als Hofschneiderin von Königin Silvia bezeichnen?

Das machen die Medien immer daraus. Richtig ist, dass sie einige Kleider von mir hat und auch anzieht. Als Hofschneiderin würde ich aber jemanden bezeichnen, der ständig am Hof ist, um Maß zu nehmen. Und das bin ich nicht.

Aber Sie fliegen nach Stockholm, wenn Silvia ein neues Kleid haben möchte?

Auch das nicht. Diejenige, die bei der Königin dafür zuständig ist, bestellt es von uns.

Die Königin bestellt aus dem Katalog?

Nein, wir haben ein Geschäft in Stockholm, auf das Silvia aufmerksam geworden ist. Ich vermute, dass sie jemanden hat, der für sie scoutet. In dieses Geschäft schicken wir unsere Entwürfe, darüber wird alles abgewickelt. Am Hof selbst war ich noch nie, aber immerhin hat die Königin mir schon mal geschrieben. Ich halte sie für eine beeindruckende Frau, die einen Inhalt in ein Amt bringt.

Entwickeln sich aus solchen Kontakten zu prominenten Kundinnen auch mal Freundschaften?

Ja, zum Beispiel mit Jessica Schwarz. Sie ist eine tolle Person, ein Mensch, den ich als hübsch, intelligent und begabt empfinde. Und total nett und unprätentiös, wir haben uns sogar schon mal zusammen im Auto umgezogen.

Letzte Woche hatten Sie Besuch von den First Ladys der Bundesländer. Wie war’s?

Lustig. Sie kamen an wie eine richtige Delegation, mit Polizeieskorte und allem, was dazugehört. Am Anfang war’s deshalb ein bisschen steif, und ich dachte schon: Oh Gott, was mach ich denn nur? Ich hab dann einfach frei geredet und erklärt, mit welcher Philosophie ich Frauen ansprechen will – und siehe da: Nach einer Stunde waren sie alle lustig drauf, haben gegenseitig anprobiert und vor der Abfahrt draußen rumgealbert – es sah aus wie bei einem Klassentreffen. Es war wirklich süß, wie die Atmosphäre in zwei Stunden umgeschlagen ist, zum Schluss war es richtig leicht und locker. Das kann man schaffen, indem man Emotionalität reinbringt, wo sie vielleicht auch gar nicht erwartet wird.

Niedersachsens First Lady Bettina Wulff hat nachher gesagt: Anja Gockel macht Mode für richtige Frauen, nicht für abgehungerte kleine Mädchen. Waren die Magermodels ein Thema bei Ihrem Treffen?

Insofern, dass ich zum Ausdruck gebracht habe: Die Mode ist für die Frauen da, und nicht die Frauen für die Mode. Mein Ideal ist das Gesunde.

Wie meinen Sie das?

Wenn eine Frau 1,80 Meter groß ist und man ihr sagt, sie dürfte nichts über Größe 34 tragen, ist das der Anfang von Krankheit. Und Krankheit als Idealbild zu nehmen finde ich für eine Gesellschaft falsch.

Warum gibt es denn noch immer so viele Magermodels, auch wenn sich scheinbar alle darüber aufregen?

Ich sehe drei Gründe für das Problem: Der wichtigste ist, dass die meisten und wichtigsten Modedesigner homosexuell sind. Ein Modedesigner kann wie jeder andere Mensch auch nur von sich selbst ausgehen. Das mache ich auch so. Und das Idealbild eines homosexuellen Mannes ist eine knabenhafte Figur. Das Idealbild einer lesbischen Frau ist meistens eine androgyne Figur. Diese Figur projizieren sie auf die Frauen, die ihre Models sind. Deshalb dürfen die Models nicht zu viel Busen und nur wenig Hüfte haben. Alles Volumige ist für sie unerotisch, nicht akzeptabel.

Nennen Sie mal ein Beispiel.

Karl Lagerfeld sagt öffentlich, Heidi Klum sei für ein Model zu dick. Da kann ich nur sagen: Lieber Karl Lagerfeld, krieg mal vier Kinder und sei so bildschön wie eine Heidi Klum. Lagerfeld ist homosexuell, und ich vermute mal ganz stark, dass er diese knabenhafte Figur als Ideal empfindet. Das soll er auch. Aber dass die Gruppe von Menschen, die dieses Bild im Kopf hat, so relevant für das Idealbild unserer Gesellschaft ist, dem unsere 14-jährigen Mädchen nacheifern, finde ich gefährlich.

Fehlen noch zwei weitere Gründe.

Der zweite Grund ist dieser Jugendwahn. Dünn zu sein bedeutet in unserer Gesellschaft, jung zu sein. Und der dritte Grund, den Karl Lagerfeld übrigens auch einräumt, ist: Es muss immer etwas Unerreichbares geben. Ich finde: Unerreichbares nein – Ideale ja. Aber was ist mein Ideal? Etwa das Model, das fast im Krankenhaus liegt, um wiederbelebt zu werden? Oder ist mein Ideal eine Heidi Klum, die dabei noch vier Kinder kriegen kann? Ich kenne Models, die Wattebäuschchen gegen das Hungergefühl essen. Das ist doch nicht normal, das ist pervers. Wenn Mädchen so etwas tun, obwohl die Natur etwas anderes mit ihnen vorhat, fängt die Krankheit an.

Aber warum wird solchen falschen Idealen denn nachgeeifert?

Weil es die Werbung transportiert. Welche großen Modedesigner kennen wir? Da gibt es Dolce & Gabbana, Marc Jacobs, Jean Paul Gaultier, Jil Sander, John Galliano, Giorgio Armani, Karl Lagerfeld – sie sind alle homosexuell. Dagegen habe ich ganz bestimmt nichts, aber es ist schade, wenn ihr Idealbild, dass sie über ihre Models transportieren, so viel Einfluss in der Gesellschaft gewinnt. Wenn eine meiner drei Töchter nur wegen dieser Anzeigen und der Vorgaben magersüchtig wird, dann wäre ich zutiefst erschüttert. Das ändert nichts daran, dass diese Designer hochintelligente Menschen sind, die mit ihrer Kreativität eine Bereicherung unserer Kultur sind. Sie sind Ausnahmetalente, die man in einem Jahrhundert nur ein paar Mal erlebt. Aber sie sind keine Götter, so viel weiß ich.

Auch „Germany’s Next Topmodel“ ist im Zusammenhang mit der Diskussion um Magermodels mehrfach kritisiert worden.

Dafür sehe ich überhaupt keinen Grund. Die Models waren richtig natürlich, Marie, die Drittplatzierte, hatte eine 99er-Hüfte, das ist ein Zentimeter mehr als Größe 38. Es gab eine Bewerberin, die wirklich sehr dünn war, die ist von Heidi nach Hause geschickt worden. Da sind einige Vorwürfe in der Presse lächerlich aufgebauscht worden. Natürlich dürfen die Models nicht fettleibig sein, dann müssen sie sich einen anderen Beruf suchen. Außerdem gibt es ja auch Essstörungen in die andere Richtung, und das ist auch nicht gesund.

Wenn man die Statements der deutschen Modeindustrie liest, könnte man glauben, das Problem der Magermodels gebe es nur bei den großen internationalen Schauen, nicht aber in Deutschland.

Karl Lagerfeld würde wahrscheinlich sagen: In Deutschland gibt es ja auch keine großen Schauen. Es gibt hier viele Kataloge. Und hierfür dürfen die Models ein bisschen dicker sein. Er hätte damit ja auch leider recht, es gibt nicht die großen Schauen in Deutschland – noch nicht. Ich finde, Berlin hat beim letzten Mal einen Startschuss gegeben, dass wir bald die Chance haben, da mitmischen zu können.

Gab es da keine Magermodels?

Ich habe zwei Mädchen nach Hause geschickt. Das gibt es auch in Berlin, weil die Models nicht nur vom deutschen Markt leben können, sondern auch in Frankreich und Italien arbeiten und deshalb so dürr sein müssen.

Was halten Sie denn von der „Ohne Models“-Kampagne der „Brigitte“, die ab 2010 ganz auf Profi-Models verzichten will?

Die Initiative finde ich toll, aber ich würde gerne Mäuschen spielen und beobachten, ob die das wirklich schaffen. Wenn man Laien vor die Kamera holt, ist es sehr schwer, gute Bilder zu bekommen, ganz unabhängig von dick oder dünn. Man erkennt ja auch Laienschauspieler zehn Meter gegen den Wind.

Also sind Sie skeptisch?

Nein, gespannt. Es war richtig, dass die „Brigitte“ das Thema als größte europäische Frauenzeitschrift angestoßen hat, denn die Modelagenturen machen ja nur das, womit sie Geld verdienen können. Und wenn sie es künftig auch mit gesunden Models können, sind wir schon einen Schritt weiter. Die müssen ja nicht die Mädchen nach Hause schicken und arbeitslos machen, sondern ihnen nur erlauben, normal zu essen.

Was sind denn in Ihren Augen die größten Vorzüge eines guten Models?

Ein Model besteht ja nicht nur aus Gewicht. Es besteht aus Charakter, Ausstrahlung und in gewissem Maße auch Intelligenz. Ohne Intelligenz hat das Mädchen nur einen Ausdruck parat, das wird nach einer gewissen Zeit langweilig. Charakter, Ausstrahlung und Intelligenz muss ein Model nach außen transportieren können. Ihre Augen müssen sprühen. Für Laien ist das nicht einfach, weil man dafür Übung braucht. Model zu sein ist mehr als ein Kampf gegen die Kilos.

Die „Brigitte“ hat eingeräumt, dass jahrelang die Models per digitaler Bildbearbeitung wieder dicker gemacht wurden.

Das kann ich mir gut vorstellen. Es gibt wunderschöne Mädchen – die haben Ärmchen, da können Sie mit zwei Fingern rumgreifen. Und Beine wie ein Strich, an dem überhaupt kein Oberschenkel mehr zu erkennen ist. Das ist ja auch optisch nicht schön.

Sie sprachen vorhin von Ihren Töchtern. Was würden Sie sagen, wenn eine von ihnen Model werden wollte?

Ich würde ihr vorschlagen, ab und zu mal bei mir zu modeln, aber dann doch etwas anderes zu machen. Für schöne Frauen gibt es so viele andere tolle Berufe, in denen sie sich noch beständiger verwirklichen können.

Wie kriegen Sie eigentlich Ihren Job und Ihre Rolle als Mutter von vier Kindern unter einen Hut?

Indem ich den Tag so nehme, wie er kommt. Ich habe mir nie genau ausgemalt, wie viel Arbeit es bedeutet. Andererseits wusste ich sehr genau, was ich möchte: einen Job, den ich liebe, und eine große Familie.

Das war von vornherein klar für Sie?

Ja, ich wollte immer mindestens drei Kinder haben, jetzt sind es eben vier geworden. Ich habe einen tollen Mann, der mich neben seinem Job tatkräftig unterstützt. Und als wir überlegt haben, ob wir noch ein viertes Kind wollen, war es unser größter Wunsch. Meine jüngste Tochter ist jetzt knapp drei, das ist schon anstrengend. Aber was diese kleinen Geschöpfe uns zurückgeben, ist gigantisch. Durch die Kinder kann ich heute wichtig von unwichtig unterscheiden.

Die Familie soll also nicht mehr wachsen, wohl aber Ihr Unternehmen?

Ja, das soll wachsen. Ich war 14 Jahre lang nur Künstlerin, habe nichts verdient, sondern jeden Heller und Pfennig wieder reinvestiert, um keine Kredite aufnehmen zu müssen. Jetzt haben wir trotz der Wirtschaftskrise in dieser Saison 30 Prozent mehr Umsatz gemacht als im letzten Jahr. Und deshalb finde ich: Wenn wir uns vormachen und glauben, dass wir wegen der Wirtschaftskrise eingehen, dann werden wir es auch. Wir müssen an uns und unser Land glauben, dann schaffen wir es.

Hätten Sie Lust, so groß zu werden wie beispielsweise Gaultier?

Das nicht, aber wir müssen einfach größer werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir dreimal so groß werden, wie wir es jetzt sind, aber ich muss nicht 50mal so groß werden.

Bei „Germany’s Next Topmodel“ haben Sie dreimal das Finale ausgestattet – werden Sie beim nächsten Mal wieder dabei sein?

Ich hoffe es sehr, denn alle Beteiligten von der Stylistin bis zu Heidi Klum waren total begeistert von meinen Entwürfen. Und es ist mein Ziel, auch beim nächsten Mal wieder dabei zu sein.

 

Anja Gockel

wird am 16. Mai 1968 in Mainz als Tochter eines Radiologen und einer Medizinisch-Technischen Assistentin geboren. In der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt macht sie auch ihr Abitur, bevor es sie in die Ferne zieht: Von 1993 bis 1995 studiert Gockel an der weltweit renommierten Modeschule „Central Saint Martins“ in London und arbeitet

 anschließend für die berühmte Designerin Vivienne Westwood, wo sie teilweise bis zu 100 Stunden in der Woche leisten muss. Insgesamt bleibt sie für sieben Jahre in der britischen Hauptstadt.

1996 gründet sie ihr Label „Anja Gockel – London“, vier Jahre später in Mainz die „Anja Gockel GmbH“, heute beschäftigt sie dort zehn feste und zehn freie Mitarbeiterinnen. Mittlerweile ist Anja Gockel zu einer der erfolgreichsten deutschen Modeschöpferinnen aufgestiegen, deren ebenso alltagstaugliche wie ausgefallene Kreationen regelmäßig mit Begeisterungsstürmen bedacht werden.

Auch international genießt sie einen ausgezeichneten Ruf. Zahlreiche Prominente tragen die Mode der Ausnahme-Designerin, darunter Königin Silvia von Schweden, Gwyneth Paltrow, Emma Bunton, Nadja Auermann, Jessica Schwarz, Barbara Schöneberger, Marietta Slomka, Natascha Ochsenknecht, Martina Hill und Ann-Kathrin Kramer. Bereits dreimal hat sie das Finale der Pro-Sieben-Castingshow „Germany’s Next Topmodel“ ausgestattet.

Anja Gockel ist verheiratet mit Rainer Brenner, einem leitenden Kultur-Redakteur des SWR-Fernsehens, und Mutter von vier Kindern im Alter von 20, 14, 7 und 2 Jahren. Die Familie lebt in Mainz.

Artikel Artikel: Textilbranche und Top-Designerin kritisieren Hungertrend
Bildergalerie Bildergalerie: Magermodels - Schön oder krank?
Link Mehr dazu: Diskutieren Sie mit: Magerwahn auf dem Laufsteg?

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