
Nocturne im Kellerverlies
Von Anselm Cybinski<5> x Spitzmarke! x Vorspann, halbfett! <1>#Wladyslaw Szpilmans Erinnerungen hätten Stoff geliefert für ein Rührstück, für ein Breitwand-Opus am Rande des Holocaust-Kitsches.
Doch Roman Polanski, der Überlebende, der sich immer geweigert hatte, die frühen Kapitel seiner Biographie filmisch aufzuarbeiten, Polanski hat Szpilmans autobiographisches Buch „Das wunderbare Überleben“ mit größter Zurücknahme und Noblesse behandelt. Seine Kunst sticht in „Der Pianist“ zunächst kaum ins Auge, so stringent und lakonisch erzählt der Regisseur die aberwitzige Geschichte. Ein gut aussehender junger Pianist (Adrien Brody), bekannt für seine sensiblen Chopin-Interpretationen, überlebt das Warschauer Ghetto und entgeht, anders als der Rest seiner Familie, um Haares Breite der Deportation. Polnische Untergrundkämpfer besorgen ihm wechselnde Verstecke. Er hungert, er trinkt schimmeliges Wasser, er friert und wird krank. Doch dann das Wunder: Ein deutscher Offizier (Thomas Kretschmann), der den völlig Entkräfteten dabei ertappt, wie er eine gefundene Konservendose zu öffnen versucht, lässt sich etwas auf dem Klavier vorspielen. Und Wladislaw Szpilman spielt: Langsam nähern sich die klammen Finger der Tastatur, beginnen zögernd das erste Unisono von Chopins G-Moll-Ballade. Schon nach wenigen Momenten fliegen die Hände, braust der Flügel, überschlagen sich die Klänge. Während der Geschützdonner der Russen bereits zu vernehmen ist, versorgt der deutsche Offizier den Pianisten in seinem Versteck mit Nahrung und Kleidern und ermutigt ihn, die wenigen Wochen noch auszuharren. Und dann ist der Krieg plötzlich vorbei: Szpilman macht da weiter, wo er 1939 von den ersten deutschen Bomben unterbrochen worden war. Er nimmt ein Nocturne von Chopin für den Rundfunk auf. Nichts belegt Polanskis Disziplin und seinen Stilwillen deutlicher, als seine diskrete Verwendung von Chopins Musik. Trotz der zahlreichen, perfekt inszenierten Massenszenen ist „Der Pianist“ ein leiser und unpathetischer Film. Nie werden Hochkultur und Nazi-Barbarei nur annähernd so plakativ kontrastiert wie bei Spielberg. Sicher, die Bestialitäten kommen peinigend ins Bild, etwa wenn bei einer Razzia ein alter Mann im Rollstuhl von einem Balkon auf die Straße geworfen wird. Doch ins Gedächtnis graben sich die klaustrophobischen Sequenzen in Szpilmans schummrigen Schlupflöchern. Adrien Brody, ein hager-asketischer Künstlertyp mit warmen, tief melancholischen Augen, stellt diesen Leidensweg mit geradezu bestürzender Rollen-Einfühlung dar. Kameramann Marek Rajka hat die lastende Atmosphäre, erfüllt von Einsamkeit, Angst und dem Nichtverstehen dessen, was außerhalb des Verlieses vor sich geht, in erlesenen aber nie überstilisierten Sepia-Bildern eingefangen. Nur die vielen kleinen Lichtreflexe à la Vermeer scheinen die Möglichkeit hellerer Tage anzudeuten. Solche bis zur Perfektion getriebene Kunst der verknappten Andeutung ist es, die den Zuschauer zwei ein halb Stunden lang in Höchstspannung an den Kinosessel fesselt. Dass Polanski gänzlich ohne die abgegriffenen Pathosformeln des Genres auskommt, rechtfertigt schon die Goldene Palme. Und doch gibt es ein Bild von tiefer, im jüdischen Kontext allerdings leicht verwirrender Symbolkraft: Unmittelbar vor dem Abtransport begeht die hungernde Familie Szpilman ein letztes Abendmahl: Inmitten des Menschengewühls teilt der Vater ein gelbes Bonbon in sechs winzige Stücke. Kurz darauf sind die Szpilmans auf dem Weg nach Treblinka - alle außer Wladyslaw.
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